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Preisträger 2004

Schwerpunkte der Preisrede von Frau PD Dr. med. Daniela Berg

Florstadt-Staden, Oktober 2004

Ultraschall beim Morbus Parkinson –
Neues aus der Diagnostik, Veranlagungs- und Ursachenforschung
Die Parkinsonerkrankung, auch Morbus Parkinson, ist die zweithäufigste Bewegungsstörung mit einer Zunahme des Vorkommens im höheren Lebensalter, so dass ca. 1% der 60ig Jährigen und 3% der 80ig Jährigen betroffen sind. Trotz intensiver Forschung ist die Ursache der Erkrankung bis heute nicht geklärt. Bisher war es auch nicht möglich mit routinemäßig verwendeten, strukturell bildgebenden Verfahren wie der Computertomographie (CT) oder der Magnetresonanztomographie (MRT) beim Morbus Parkinson krankheitstypische Veränderungen darzustellen. So war es eine bahnbrechende Neuigkeit, als Professor Georg Becker und seine Arbeitsgruppe 1995 erstmals eine mittels transkranieller Sonographie detektierte vermehrte Echogenität der Substantia nigra als krankheitstypisches Merkmal beschrieben (Abbildung 1). In den folgenden Jahren konnte Dr. Daniela Berg in Zusammenarbeit mit Prof. Becker zeigen, dass dieses Ultraschallmerkmal bei über 90% der Parkinsonpatienten vorkommt (Abbildung 2). Die Methode wird seither in zunehmendem Maße auch in anderen Kliniken verwendet und verschiedene Arbeitsgruppen, bestätigen diese Ergebnisse. Auch zeigte sich, dass dieser Ultraschallbefund hilfreich in der Abgrenzung von parkinson-ähnlichen Erkrankungen ist. Zunehmende Bedeutung erlangte der Befund durch die Erkenntnis, dass das Ultraschall Merkmal einer vermehrten Echogenität der Substantia nigra auch bei ca. 8-9% der gesunden Bevölkerung vorhanden und hier als Zeichen einer Veranlagung für eine verminderte Funktion des bei der Parkinsonerkrankung betroffenen dopaminergen Überträgerstoffsystems zu werten ist. Dr. Berg konnte zeigen, dass im höheren Alter oder als Nebenwirkung bestimmter in diesem System wirkender Medikamente (Neuroleptika) bei gesunden Menschen mit diesem Ultraschallbefund parkinson-ähnliche Zeichen auftreten können und es bei einigen, wahrscheinlich im Zusammenspiel mit anderen Faktoren, zu einer Parkinsonerkrankung kommen kann.
Nur wenn die Ursache einer Erkrankung geklärt ist, kann eine an dieser Ursache ansetzende Therapie erfolgen. Die Arbeitsgruppe von Dr. Berg widmete sich daher in den folgenden Jahren der Frage nach der Ursache für den Ultraschallbefund und konnte durch Gewebeanalysen und im Tiermodell zeigen, dass eine vermehrte Echogenität der Substantia nigra mit einem vermehrten Eisengehalt in diesem Gebiet verbunden ist. Eisen ist lebensnotwendig, kann aber, wenn es im Überschuss vorhanden ist, nervenzellschädigend sein. Die Tatsache, dass eine vermehrte Echogenität der Substantia nigra in Familien von Parkinsonpatienten gehäuft auftritt, führte zur Untersuchung von Veränderungen in bestimmten in den Eisenstoffwechsel involvierten Genen. Für einige dieser Gene konnte die Arbeitsgruppe bereits einen Zusammenhang zwischen Veränderung in diesen Genen, Ultraschallmerkmal und Entwicklung einer Parkinsonerkrankung zeigen. Weitere Untersuchungen sind nötig, um diese Zusammenhänge zu bestätigen und andere Eisenstoffwechsel-Gene, die einen Einfluss auf die Entstehung des Ultraschallmerkmales und möglicherweise die Entwicklung der Parkinsonerkrankung haben, zu identifizieren.
Der Forschungspreis 2004 der Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinsonforschung soll die Untersuchung weiterer Eisenstoffwechsel-Gene ermöglichen. Ziel ist, durch anschließende Untersuchungen möglicher Krankheitsmechanismen, Ursachen des Morbus Parkinson besser zu verstehen und langfristig ursachenbezogene Therapien zu entwickeln.

Laudatio von Michael Kelly auf die Forschunngspreisträgerin 2004

Florstadt-Staden, Oktober 2004

Liebe Frau Dr. Berg,
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
Verehrte Gäste und Freunde des Schneckenhauses,

Die Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinsonforschung besteht nur seit 7 Jahren. Es ist sicherlich verfrüht, von Tradition bei einer so jungen Stiftung zu sprechen, aber wenn ich bei heute, bei unserer 4. Preisverleihung, einmal rückblicke, stelle ich fest, dass sich bei der Auswahl der Preisträger eine gewisse Richtung abzeichnet. Die Wahl des Preisträgers fiel meistens auf Forscher und Forscherinnen, die am Anfang ihrer Karriere standen. Auch heute ehren wir nicht jemanden im reifen Alter, jemanden, der auf ein Lebenswerk zurückblickt, sondern eine Frau, die auch am Anfang ihrer Karriere steht.
Es ist mir eine besondere Freude und Ehre, hier das Werk von Frau Dr. Daniela Berg würdigen zu dürfen. Die Etikette verbietet, etwas über das Alter einer Frau zu sagen, insbesondere, wenn die Aussage von einem Mann kommt. Aber ich hoffe, Frau Dr. Berg wird mir verzeihen, wenn ich aus dem heutigen Anlass etwas über ihr Alter verrate, denn Frau Dr. Berg ist erst junge 37 Jahre alt ist. Sie forscht am Institut für Medizinische Genetik an der Universität Tübingen mit Schwerpunkt auf der Anwendung von Ultraschall bei der Ursachenforschung und Diagnose von Morbus Parkinson.
Trotz ihrer jungen Jahren, eine Auszeichnung zu erhalten ist keineswegs eine vollkommen neue Erfahrung für Frau Dr. Berg. Sie erhielt bereits 1998 den Posterpreis der Deutschen Gesellschaft für Neurologische Intensivmedizin, den Posterpreis der Deutschen Parkinsongesellschaft in 1999, den Parkinson-Preis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in 1999, um nur einige zu nennen. Sie bekleidet verschiedene Funktionen, z. B. ist sie Mitglied des Young Scientists Committee bei der 16th International World Congress on Parkinsons Disease im Juni kommenden Jahres in Berlin.
Den Lebenslauf von Frau Dr. Berg möchte ich an dieser Stelle nur streifen: Promoviert summa cum laude 1995 in Würzburg, fachärztliche Prüfung in Neurologie 2002, seit August 2003 Tätigkeit am Hertie-Institut für Gehirnforschung an der Universität Tübingen.
Die Arbeit von Forschern und Wissenschaftlern wird unter anderem dadurch beurteilt, dass man sich deren Publikationen und Veröffentlichungen ansieht. Diesen Weg bin ich auch gegangen, und ich war erstaunt, was ich fand. In 10 Veröffentlichungen – alle in englischer Sprache, was mir persönlich sehr entgegen kam – wird Frau Dr. Berg als Autorin bzw. Co-Autorin genannt.
Ich habe mir diese Veröffentlichungen angesehen und konnte feststellen, dass sie in den renommiertesten wissenschaftlichen Fachzeitschriften erschienen sind, unter anderem in Neurology, Journal of Neural Transmission und anderen namhaften Fachpublikationen. Was fachliche Kompetenz und internationale Annerkennung betrifft, brauche ich wohl nicht mehr zu sagen.
Wenn ich zu den besonderen Leistungen von Frau Dr. Berg komme, muss ich etwas fachlich werden, was Sie mir sicherlich verzeihen werden. Der diesjährige Forschungspreis ist verknüpft mit einem noch auszuführenden Projekt mit der Bezeichnung „Pölymorphismen in Genen des Eisenstoffwechsels als Suszeptibilitätsfaktoren beim Morbus Parkinson“. Was sich hinter diesem nicht allzu alltäglichen Begriff verbirgt, wird Frau Dr. Berg in ihrem Beitrag erläutern. Ich will mich darauf beschränken, etwas Hintergrundinformation zu dem Themenkomplex zu geben. Frau Dr. Berg, als Assistentin von Dr. Georg Becker in Würzburg, war maßgeblich an der Entwicklung von Ultraschall als Untersuchungsmethode in der Diagnostik, Veranlagung und Ursachenforschung bei Morbus Parkinson beteiligt. Ein tragischer Unfall hat die Karriere von Dr. Becker leider allzu früh beendet. Manche von Euch werden sich sicherlich an ihn erinnern, er war hier bei unserer Preisverleihung im Jahre 2000. Es ist der Verdienst u. a. von Frau Dr. Berg, dass diese Methode weiter entwickelt wurde und inzwischen auf einer breiteren Front in der Frühdiagnose von MP eingesetzt wird. In bezug auf Kosten, Handhabung und Schnelligkeit hat transkranielle Sonographie sehr viele Vorteile gegenüber anderen Untersuchungsmethoden. Die Methode beruht auf einer vermehrten Echogenität der substantia nigra als Krankheitsmerkmal, wobei festgestellt wurde, dass dieser krankheitstypische Befund in Zusammenhang mit einem erhöhten Eisengehalt in diesen Hirngebiet steht. Nachdem Veränderungen in Genen, die am Eisenstoffwechsel beteiligt sind, bei Patienten gefunden wurden, die dieses Merkmahl aufweisen, geht es nun in einem 15-monatigen weiterführenden, von der Hilde-Ulrichs-Stiftung unterstützten Projekt darum, diese Polymorphismen oder Veränderungen zu präzisieren bzw. andere Gene, die möglicherweise im Eisenhaushalt eine Rolle spielen, zu identifizieren, um deren Einfluss auf die Entstehung der Krankheit zu klären.
Als Patienten können wir berechtigt fragen, wozu das gut ist, was es bringt. Ist es überhaupt sinnvoll und nützlich, Frühdiagnostik zu betreiben bzw. Veranlagungsfaktoren zu identifizieren? Letzterer Punkt liefert lediglich ein Indiz auf Suszeptibilität und gibt keine gesicherte Auskunft darüber, ob und wann sich die Krankheit manifestiert, d.h. er hat statistischen Wahrscheinlichkeitscharakter und keine absolute voraussagende Wirkung.
Der gesamte Komplex von genetischen Untersuchungen und Reihentests zu Suszeptibilitätsfaktoren hat sehr viele Facetten. Eine ausführliche Behandlung dieses Themas würde den Rahmen dieser Rede sprengen. Es ist klar, dass Suszeptibilitätstests nur unter ganz bestimmte Bedingungen eingesetzt werden sollen. Es gibt dabei eine Reihe von Aspekten, die beachtet werden müssen, u.a. arbeitsrechtliche, versicherungstechnische und nicht zuletzt psychologische Aspekte. Meiner Meinung nach ist Genanalyse zur Identifizierung von Suszeptibilitätsfaktoren nützlich und sinnvoll, wenn es sich um Ursachenforschung handelt, wenn es um eine differenzierte Diagnose in Grenzfällen geht oder darum, die Anwendung neuroprotektiver Maßnahmen zu bewerten. Ursachenforschung ist in so fern wichtig, weil sich ohne Kenntnis der Ursachen wenige effektive Lösungsansätze zur Vermeidung bzw. Neuroprotektion formulieren lassen.
Allen Anzeichen nach entsteht M P über Jahre, wenn nicht über Jahrzehnte hinweg. In Fällen, in denen eine familiäre Veranlagung gegeben ist oder wenn schon sogenannte weiche Symptome, wie sie Frau Dr. Berg bezeichnet, vorhanden sind, kann es mindestens für manche potenzielle Parkinsonpatienten von Interesse sein, möglich früh über den persönlichen Risikostatus aufgeklärt zu sein.
Die Stiftung hat bei der Preisverleihung bestimmte Kriterien in den Vordergrund gesetzt. Darf ich in diesem Zusammenhang kurz darauf hinweisen, dass Sie die Stiftungsziele auf unserer Internetseite einsehen können. Dazu möchte ich folgendes sagen: Es wird auf den verschiedensten Parkinsongebieten intensiv geforscht. Massive Geldmittel in Millionenhöhe stehen aber nur dort ausreichend zur Verfügung, wo mit den Ergebnissen sofort Geld zu verdienen ist. Bei der für uns Kranke so wichtigen Grundlagenforschung zum Beispiel, die nach möglichen Ursachen von Morbus Parkinson sucht, ist dies häufig nicht der Fall. Da die nötigen Geldmittel fehlen, sind wir gerade in diesem Bereich allzu oft auf die Bereitschaft, das Engagement und den Idealismus von Forschern angewiesen, die die Belange der Patienten an erster Stelle sehen. Frau Dr. Berg gehört definitiv zu diesem Forscherkreis.
Sehr geehrte Frau Dr. Berg, gestatten Sie mir, am Ende dieser Laudatio Ihnen im Namen der Hilde-Ulrichs-Stiftung und im Namen aller Patienten Hochachtung für Ihre bisherige Leistung auszusprechen. Sie haben schon viel erreicht, wir sind gespannt auf die Zukunft und Ihr weiteres Wirken. Als kleine Stiftung mit begrenzten Mitteln sind wir in der Lage, nur bedingt etwas zu bewegen. Auch wenn es sich hier nur um ein kleines Stück im gesamten Bild handelt, hoffen wir, dass andere bald weitere Stücke in das Ursachen-Mosaik des Morbus Parkinson einsetzen werden. Wie es so schon in den alten Schriften heißt: Man ist nicht angehalten, die Schöpfung zu vollenden, man erfüllt seine Aufgabe, in dem man dazu beiträgt.
Last but not least möchte ich an dieser Stelle auch Herrn Dr. Christian Berg und die beiden Kinder der Preisträgerin auf unserer Veranstaltung begrüßen. Ich bin sicher, dass Herr Dr. Berg nicht ganz an der Tatsache unbeteiligt ist, dass seine Frau einen anstrengenden Beruf ausübt und gleichzeitig eine Familie mit zwei kleinen Kindern gegründet hat. Allein schon das ist in der heutigen Zeit preiswürdig.)
Frau Dr. Berg, im Namen aller Betroffenen und Angehörigen wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei ihren weiteren Forschungstätigkeiten.

Lebensdaten von Frau PD Dr. med. Daniela Berg

Florstadt-Staden, Oktober 2004

persönliche Daten:
geboren im Jahr 1967 in Bonn
verheiratet, Mutter von 2 Kindern

Schulausbildung:
1974 – 1978 Grundschule in Bonn
1978 – 1987 Gymnasium in Bonn und in der Heimschule Kloster Wald/Hohenzollern mit Abitur als Abschluß

Berufsausbildung:
1983 – 1978 parallel zur Schulausbildung handwerkliche Ausbildung mit Gesellenprüfung als Damenschneiderin

Medizinstudium:
1988 – 1995 Julius-Maximillians-Universität Würzburg / Praktisches Jahr u.a. im Birmingham, England und Tätigkeit als
Schwesternhelferin auf der Neurologischen Intensivstation mit Abschluß des 3. Staatsexamens und Promotion

Dissertation:
Thema: „Psychosomatik zwischen Theorie und Grundlagenforschung“ bei Prof. Dr. med. H. Csef, Med. Poliklinik, Universität
Würzburg

Klinische Tätigkeit und beruflicher Werdegang::
1996 – 2002 als Ärztin und Wissenschaftliche Assistentin in der Neurologischen und Psychatrischen Universitätsklinik Würzburg mit Abschluß der Facharztprüfung im Bereich Neurologie

seit 08.2003 Ärztliche Tätigkeit im Hertie Institut für Gehirnforschung, Tübingen, Leitung Prof. T. Gasser

Klinischer Schwerpunkt:
Extrapyramidale Erkrankungen, daher neben der Stations- und poliklinische Tätigkeit Parkinson und Dystonie-Ambulanz

Wissenschaftliche Tätigkeit:
1995-1997 Dopplersonographische und neuropsychologische Untersuchungen bei Patienten mit coronarer Bypassoperation

seit 03.1996 transkranielle Ultraschalluntersuchungen mit dem Schwerpunkt extrapyramidale Erkrankungen und Depression

seit 01.1997 Arbeit an Projekten zur präklinischen Diagnose des Morbus Parkinson

seit 05.1998 Arbeit an Projekten zur Ätiopathogenese der Dystonie

1999 Während des Aufenthaltes in der Psychatrie transkranielle Ultraschalluntersuchungen an psychatrischen Patienten mit
Schwerpunkt extrapyramidale Syndrome

2000 Forschungsaufenthalt im Humangenetischen Institut der Universität Rostock (Leitung Prof. O. Rieß) zum Erlernen
genetischer und histopathologischer Techniken

seit 04.2001 Habilitationsstipendiatin des Gotthard-Schettler-Stipendiums, Untersuchung zur „Präklinischen Diagnose des Morbus Parkinson“, in diesem Rahmen Ultraschall- und histologische Untersuchungen

seit 03.2002 Genetische Untersuchungen des Eisenstoffwechsels sowie immunhistologische Untersuchungen beim Morbus Parkinson in Tübingen (Humangenetik, Leitung Prof. O. Rieß)

seit 08.2003 Transkranielle Ultraschalluntersuchungen beim Morbus Parkinson (Hertie Institut für Gehirnforschung, Leitung Prof. T. Gasser)

Mitgliedschaften:
Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Movement Disorder Society
Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinsonforschung (Fördermitglied seit 2000)

Preise und Auszeichnungen:
Posterpreis, ANIM 1998
Posterpreis Deutsche Gesellschaft für Neurologie 1999
Parkinson-Preis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie 1999
Honourable mention of the Scientifle Programm Committee of the International Congress of PD, Helsinki 2001
Forschungspreis 2004 der Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinsonforschung

Weitere Informationen über das Arbeitsgebiet von Frau PD Dr. med. Daniela Berg siehe auch unter: www.hih-tuebingen.de