Logo Hilde-Ulrichs- Stiftung für Parkinsonforschung

Preisträger 2000

Preisrede von Frau Dr. med. Christine Klein und Dr. med. Helfried Jacobs

Florstadt-Staden, im November 2000

An der Parkinson’schen Erkrankung leiden etwa 3 % der über 65jährigen Bevölkerung, in Deutschland immerhin mehr als 150.000 Personen. Trotz dieses häufigen Vorkommens und jahrzehntelanger intensiver, internationaler Forschung sind die Ursachen der Erkrankung bisher weitgehend unbekannt. Generell werden sowohl genetische als auch Umweltfaktoren für die Verursachung diskutiert. In jüngster Zeit wurden verschiedene Parkinson-Gene (bestimmte Abschnitte in der Erbsubstanz) ausfindig gemacht. Veränderungen, sogenannte Mutationen, in diesen Genen können in einigen wenigen Fällen eine Art Parkinson’scher Erkrankung (sogenannte Parkinson-Syndrome) hervorrufen.
Die Arbeiten der beiden Preisträger befaßten sich sowohl mit der Suche nach solchen Parkinson-Genen als auch mit der Untersuchung von Umweltfaktoren wie z.B. Schadstoffbelastung am Arbeitsplatz und im Wohnumfeld, Infektionserkrankungen und Ernährungsgewohnheiten als mögliche Risikofaktoren für die Parkinson’sche Erkrankung. Für die Identifizierung solcher Faktoren scheint die Untersuchung junger Betroffener besonders geeignet. Durch den frühen Erkrankungsbeginn steht zu vermuten, dass sie entweder eine besonders hohe erbliche Belastung hatten oder einem Umweltfaktor in verstärktem Maße ausgesetzt waren.
Eines der Projekte umfaßte daher die ausführliche Befragung junger Parkinson-Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen (Dr. Jacobs). Parkinson-Patienten waren deutlich häufiger Nichtraucher und hatten häufiger Verwandte mit Zittern oder Parkinson’scher Erkrankung. Für weitere Umweltfaktoren zeigten sich jedoch keine Unterschiede zwischen den Gruppen. Da die jungen unter den Parkinson-Patienten nur den kleineren Teil der Erkrankten ausmachen, ist bisher relativ wenig über sie bekannt. Diese Patienten boten auch die Grundlage für sich anschließende molekulargenetische Untersuchungen (Frau Dr. Klein).
Einigen Fällen einer erblichen Form der Parkinson’schen Erkrankung mit frühem Beginn liegen Veränderungen im sogenannten „Parkin“-Gen zugrunde. Bei 100 der o. g. jungen Parkinson-Patienten wurden bisher insgesamt drei unterschiedliche „Parkin“-Mutationen nachgewiesen. Untersucht man dagegen speziell ausgewählte Parkinson-Patienten mit Verwandten, die ebenfalls an der Parkinson’schen Erkrankung leiden, sind „Parkin“-Mutationen wesentlich häufiger. So fanden wir unter 20 solcher Patienten aus einer anderen Stichprobe allein fünf verschiedene Genveränderungen in „Parkin“.
Weitere Studien der Preisträger befaßten sich mit der Untersuchung von Parkinson-Patienten auf eine Beteiligung des vor kurzem entdeckten, sogenannten „PARK3“-Genortes. Zwei andere Gene mit einer möglichen Beteiligung an der Entstehung der Krankheit sind z. B. das „alpha-Synuclein“- und das „ApolipoproteinE“-Gen. Diese beiden Gene kommen auch in der gesunden Bevölkerung in unterschiedlichen Varianten vor. Eine frühere Studie hatte gezeigt, daß Personen mit einer bestimmten Kombination dieser Genvarianten ein erhöhtes Risiko tragen, eine Parkinson’sche Erkrankung mit frühem Erkrankungsalter zu entwickeln. Diese Befunde konnten wir an unseren Patienten-Stichproben jedoch nicht bestätigen.
Es wurde kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Umweltfaktoren und Entstehung der Krankheit festgestellt. Jedoch wurden vermehrt „Parkin“-Gen-Mutationen bei früh erkrankten Parkinson-Patienten mit Verwandten, die ebenfalls an Parkinson erkrankt sind, gefunden. Sind diese gefundenen genetisch bedingten Parkinson-Syndrome auch selten, so tragen sie jedoch erheblich zum besseren Verständnis der Parkinson’schen Erkrankung bei.

Laudatio von Michael Kelly auf die Forschungspreisträger 2000 Frau Dr. med. Christine Klein und Dr. med. Helfried Jacobs

Florstadt-Staden, im November 2000

Diese Preisverleihung ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Häufig werden Menschen im reiferen Alter geehrt, die auf ein Lebenswerk zurückblicken können. Es ist mir daher eine besondere Freude und Ehre, hier das Werk von zwei jungen Menschen, von zwei jungen Forschern, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, würdigen zu dürfen.
Es ist weiterhin ungewöhnlich, daß der Preis von einer Stiftung verliehen wird, die ausschließlich von Patienten für Patienten getragen wird, unabhängig von industriellen und institutionellen Interessen. Die Stiftung trägt den Namen einer ganz herausragenden Frau trägt, nämlich Hilde Ulrichs. Obwohl sie bereits schwer durch ihre Parkinsonerkrankung gekennzeichnet war, gründete sie mit weiteren Parkinsonkranken 1994 den Verein Parkinson-Selbsthilfe e.V., der Trägerin der Stiftung ist. Unser heutiges Treffen ist ein Zeichen dafür, daß ihr geistiges Erbe, nämlich anderen Betroffenen zu helfen, umgesetzt wird.
Das Forschungsprojekt der beiden Preisträger befaßt sich mit „Klinisch-epidemiologischen und molekulargenetischen Untersuchungen bei unterschiedlichen Parkinson-Syndromen“. Für Laien ist dies ein etwas schwieriger Begriff, hinter dem sich eine Reihe nützlicher und wichtiger Ansätze und Erkenntnisse für Betroffene verbirgt.Lassen Sie mich zunächst einige Worte über Morbus Parkinson sagen:
Die Parkinson-Krankheit ist seit Jahrhunderten bekannt, vielleicht sogar seit Jahrtausenden, wenn wir historische Dokumente richtig deuten. Trotzdem liegen bis heute die genauen Ursachen für die Krankheit noch weitgehend im Dunkeln.
Der letzte große Durchbruch in der Behandlung der Krankheit beruhte auf phamakologischer Basis. Dabei handelte es sich um die Einführung von L-dopa im Jahre 1962, was auch bereits fast 40 Jahre zurückliegt.
Seit langem wird darüber diskutiert und gestritten, ob „nature“ oder „nurture“, also genetische Ursachen oder Umwelteinflüsse, bei der Entstehung der Krankheit im Vordergrund stehen. Diese Frage ist nicht nur von theoretischer Bedeutung, denn ohne Klärung dieser Frage, ohne Wissen um die Ursachen, lassen sich wenige effektiven Lösungsansätze zur Vermeidung bzw. zur Heilung formulieren. Forschung kann nicht wirkungsvoll in die richtigen Bahnen gelenkt werden, viele Bemühungen enden in einer Sackgasse. Dies alles ist mit viel Zeit und Geld verbunden, ohne daß den Betroffenen wirkungsvoll geholfen wird.Die Molekularbiologie hat insbesondere in den letzten 5 bis 10 Jahren enorme Fortschritte gemacht. Diese Fortschritte eröffnen bisher unbekannte Möglichkeiten bei der Erforschung der Ursachen für die Parkinson-Krankheit. Wir hoffen, daß wir damit an der Schwelle zu einem weiteren Durchbruch stehen und wir nicht weitere 40 Jahre darauf warten müssen.
Frau Dr. Klein und Herr Dr. Jacobs haben sich ebenfalls mit der Frage beschäftigt, ob die Ursachen der Krankheit auf umweltbezogenen oder genetischen Faktoren beruhen. Herr Dr. Jacobs befaßt sich in der Hauptsache mit epidemiologischen Studien bei jungen Parkinson-Patienten im Vergleich zu gesunden Personen gleichen Alters und Geschlechts. Dabei untersuchte er mögliche Risikofaktoren, z.B. Umweltfaktoren, Schadstoffbelastung, Infektionserkrankungen und Ernährungsgewohnheiten, die für die Erkrankung insbesondere junger Patienten von Relevanz sein können. Frau Dr. Klein forscht über die genetischen Ursachen von Morbus Parkinson, primär über mögliche Erbeinflüsse bei der Entstehung der Krankheit, wobei sie sich inbesondere auch jungen Patienten zuwendet. Jüngere Patienten sind für Forschungsvorhaben genetischer und umweltbedingter Natur von besonderem Interesse, insofern ihre näheren Verwandten am Leben und familiäre Häufigkeitsstudien durchführbar sind. Die Tatsache, daß diese jungen Menschen, aufgrund ihres Alters, zum Zeitpunkt der Untersuchung nur über eine kürzere Lebensspanne zurückblicken, liefert möglicherweise bessere und genauere Erinnerung an zurückliegende Ereignisse.
Jedem Patienten muß nach Möglichkeit geholfen werden, junge Patienten bedürfen aus vielerlei Gründen unserer besonderer Aufmerksamkeit. Diese Patienten sind von der Erkrankung besonders hart getroffen, sie haben noch den größten Teil ihres Lebens vor sich. Ihr Leben und ihre Lebensplanung sind durch Unsicherheit gekennzeichnet: Wie verläuft meine Krankheit? Wie lange kann ich berufstätig bleiben? Kann ich es verantworten, eine Familie zu gründen?
Die Lebensläufe der beiden Forscher möchte ich an dieser Stelle nur streifen. Die Arbeit von Forschern und Wissenschaftlern wird unter anderem beurteilt, indem man sich deren Publikationen und Veröffentlichungen ansieht. Diesen Weg habe ich auch eingeschlagen, und ich war erstaunt, was ich vorfand. Neben gemeinsamen Arbeiten der beiden Preisträger, insgesamt 7, fand ich nicht weniger als 28 Veröffentlichungen, in denen Frau Dr. Klein, die 1995 promovierte, als Autorin bzw. Co-Autorin genannt ist, und bereits 10 Veröffentlichungen von Herrn Dr. Jacobs, eine beachtliche Anzahl in Anbetracht der Tatsache, daß Herr Dr. Jacobs erst im Frühjahr dieses Jahres seinen Dr. med. erhielt.
Ich habe mir einige dieser Veröffentlichungen – von denen die meisten in englischer Sprache abgefaßt sind, was mir sehr entgegenkam – angesehen und konnte feststellen, daß sie in den renommiertesten wissenschaftlichen Fachzeitschriften erschienen sind: Unter anderen in Neurology, Annals of Neurology, Annals of Human Genetics, Movement Disorders und vielen anderen namhaften. Die Co-Autoren der beiden Forscher lesen sich wie ein Who is Who der internationalen Parkinson-Forschung, es befinden sich darunter international bekannte Experten wie Prof. Quinn und Prof. Marsden aus London, Prof. Uitti aus Kanada und Prof. Ludin aus Israel, den einige von uns bereits in Bad Nauheim gehört haben, und andere namhafte Forscher in Deutschland und den Vereinigten Staaten.Die Stiftung hat bei der Preisverleihung bestimmte Kriterien in den Vordergrund gesetzt. Dazu möchte ich folgenden sagen: Es wird auf den verschiedensten Parkinsongebieten intensiv geforscht. Massive Geldmittel in Millionenhöhe stehen aber nur dort ausreichend zur Verfügung, wo mit den Ergebnissen sofort Geld zu verdienen ist. Bei der für uns Kranke so wichtigen Grundlagenforschung zum Beispiel, die nach möglichen Ursachen von Morbus Parkinson sucht, ist dies häufig nicht der Fall. Da die nötigen Geldmittel fehlen, sind wir gerade in diesem Bereich allzuoft auf die Bereitschaft, das Engagement und den Idealismus von Forschern angewiesen, die die Belange der Patienten an erster Stelle sehen. Sowohl Frau Dr. Klein als auch Herr Dr. Jacobs gehören zu diesem Forscherkreis. Sie haben neben ihrer nicht leichten Arzttätigkeit im Klinikbereich, häufig in ihrer Freizeit, keine Mühen gescheut, etwas für unsere bessere Zukunft zu erreichen. Wir alle wissen, daß man sich über das normale Maß engagieren muß, um etwas zu bewegen. Dies haben Frau Dr. Klein und Herr Dr. Jacobs in vorbildlicher Weise getan.
Sehr geehrte Frau Dr. Klein, sehr geehrter Herr Dr. Jacobs, gestatten Sie mir, am Ende dieser Laudatio Ihnen im Namen der Hilde-Ulrichs-Stiftung und im Namen aller Patienten Hochachtung für Ihre bisherigen Leistungen auszusprechen. Diese lassen Hoffnung für die Zukunft aufkommen, daß wir bald weitere Stücke in das Ursachen-Mosaik des Morbus Parkinson einsetzen können und daß insbesondere auch jüngeren Patienten geholfen werden kann.
Sie haben beide schon viel erreicht, wir sind gespannt auf die Zukunft und Ihr weiteres Wirken. Ihre Begeisterung für die Sache ist uns schon wohl bekannt. Mit diesem Preis möchten wir Ihnen unseren Dank und unsere Anerkennung, insbesondere die aller Betroffenen und Angehörigen, zum Ausdruck bringen und wünschen Ihnen viel Erfolg bei ihren weiteren Forschungstätigkeiten.